Systemische Pädagogik in der S-Bahn – der Verzicht auf Wertungen

Auf der Fahrt in der zur Mittagszeit mit wenigen Fahrgästen besetzten S-Bahn von München nach Erding, wo ich wohne, beginnen drei etwa zehnjährige Buben vor meinen Augen miteinander zu raufen. Halb im Scherz, halb im Ernst steigern sie immer mehr ihre Aggression und Gewalt, tun sich mehr und mehr richtig weh, finden keinen Weg mehr zurück. Auch in mir steigt zwischenzeitlich der Groll auf. Ich überlege, wie ich eingreifen könnte, um sie auseinander zu bringen. Üblicherweise würde ich mich lautstark einmischen oder die Kampfhähne auseinander ziehen. (Während ich dies schreibe, fällt mir eine frühere Szene auf der Straße vor einem Münchner Gymnasium ein, wo mich ein etwa Zwölfjähriger einmal übel beschimpft und wütend gedroht hatte, weil ich seinen stärkeren Angreifer, der auf ihm lag, von ihm weggezogen hatte.)

Mit meinem Buch in der Hand, das ich auf Grund des Lärms hier in der S-Bahn nicht mehr lesen kann, entscheide ich mich trotz meines inneren Grolls über die Ruhestörung zum Abwarten und Beobachten.

Einer von den Dreien tut sich besonders hervor. Er gibt den anderen keine Chance zum Rückzug, fängt immer wieder an. Auf ihn konzentriert sich meine Wut. Am liebsten würde ich ihm eine runterhauen. Dann kugeln wieder alle drei auf dem Boden durch die S-Bahn, werfen ihre Rucksäcke herum, kreischen wie am Spieß.

Nachdem ich durch meine eigenen Aggressionen hindurch gegangen bin, sammeln sich meine Gedanken: für wen kämpft dieser Junge so verbissen? Wen in seiner Familie vertritt er? Was nimmt er dafür alles auf sich? Wie viel Ablehnung hier von den Fahrgästen in der S-Bahn und auch sonst in seinem Leben, zu Hause und in der Schule nimmt er auf sich? Was er eigentlich will und braucht, bekommt er so am wenigsten, weder von den anderen Kindern noch von seinen Lehrern oder seinen Eltern. Sein verbissener Kampf erinnert mich an eigene einsame und unfruchtbare Kämpfe in meinem Leben.

Auf wen schaut er mit seiner ganzen Liebe? An wen erinnert er? Für wen nimmt er das alles in Kauf? Wer schreit und kämpft? Wem hat er sein Herz in unerschütterlicher Treue versprochen? An wen in seiner Familie muss er mit seinem Verhalten erinnern? Wer in seiner Familie ist im Kampf untergegangen und wurde nie gewürdigt? Wen versucht er mit seiner ganzen Liebe in die Familie gleichsam hereinzubringen? So viel ungestillte Sehnsucht, so viel Schmerz, so viel Liebe.....

Diese und ähnliche Gedanken gehen nacheinander durch mich hindurch, während ich weiterhin still sitzend beobachte.

 

Da lässt dieser Junge plötzlich von seinen Opfern ab und dreht sich zu mir. Er kniet sich auf die Sitzbank unmittelbar vor mir und schaut über die Lehne mir voll ins Gesicht. Schlagartig ist es still. Sein rundes erhitztes Gesicht ist ganz offen, Spuren des Kämpfens sind zu sehen. Seine tiefen offenen Augen erforschen meine Augen und mein Gesicht. Ich halte ihm reglos stand. Wer schaut mich hier an? – Nach ein paar Schrecksekunden grinst er ein wenig, dreht sich um und rutscht still auf seinen Sitz, zieht seinen Rucksack mit den Schulsachen auf seinen Schoß. Die beiden anderen haben bemerkt, dass sich etwas verändert hat und halten auch still. Für den Rest der Fahrt sitzen sie wortlos nebeneinander, als wäre nichts gewesen. Beim Aussteigen streift mich noch einmal sein Blick aus den Augenwinkeln, auch als er am Fenster außen vorbeigeht sucht er noch einmal  meinen Blick, den ich ihm ernst aber nicht unfreundlich erwidere.

 

Dann erkenne ich ganz plötzlich, was sich hier ereignet hat:

 

Wir waren miteinander verbunden.

Der Zehnjährige und ich haben miteinander etwas erlebt, von Mensch zu Mensch, möglicherweise mit einer konkreten Auswirkung auf sein Handeln. Eine kleine beglückende Begegnung. Wir waren nicht unterbrochen durch meine abwertende Wut oder durch sonstige Maßnahmen aus dem disziplinarischen Erziehungsbereich. Doch ganz nebenbei und überraschend war eine pädagogische Haltung in Verbundenheit wirksam geworden, aus der heraus eine stille Freude entstand, die mich noch lange begleitete.

Vor unseren nächsten möglichen Begegnung in der S-Bahn oder anderswo braucht keiner von uns Angst oder Vorbehalte haben.

Ist nicht diese Verbundenheit auch zwischen Lehrern und Schülern eine wesentliche Voraussetzung für jedes gute und wirkungsvolle Lernen? Wann kann ein Schüler von seinen Lehrkräften wirklich und leicht etwas annehmen und wann muss er sich sträuben?

 

Günter Schricker, Erding